Blogbeitrag

Der Severertondo (Temperamalerei auf Holz; Berlin, Ägyptisches Museum) bietet eine Frontalansicht der Kaiserfamilie in prachtvollem Ornat: Septimius Severus mit seiner Gattin Iulia Domna sowie ihre beiden Söhne Caracalla und Geta. Getas Porträt wurde nach dessen Ermordung geschwärzt, allerdings nicht mit Farbe, sondern mit Exkrementen, was dem Eingriff eher den Charakter einer symbolischen Schändung als einer Löschung verlieh. (Quelle: wikimedia commons)

„Cancel culture“ im antiken Rom: Manipulation und Desorientierung

Fritz Mitthof

Im antiken Rom wurde eine besonders radikale Form der Gedächtnispolitik praktiziert: Es existierte eine spezielle Strafform, die sogenannte damnatio memoriae, welche ein striktes Verbot von Bildnissen und namentlichen Erwähnungen geächteter Personen im öffentlichen Raum vorsah. Dabei kam es allerdings aufgrund diverser Umstände immer wieder zu Unklarheiten und Irrtümern.

Büste Nicolae Iorgas im Garten seines Elternhauses in Botoșani (Foto der Autorin)

Wie Karl Lueger aus der rumänischen Geschichte verschwand

Andreea Kaltenbrunner

Warum wurden die Artikel zum Wiener Bürgermeister Karl Lueger, der um 1900 in Rumänien sehr beliebt war, aus den Büchern des rumänischen Nationalhistorikers Nicolae Iorga nach 1945 gestrichen? Dieser Beitrag zeigt, welche Folgen dies für das Verständnis des erwähnten Nationalhistorikers und allgemein für die Geschichte des modernen Antisemitismus in Rumänien hatte.

Der Fälscher, der Lügner, die Außerirdischen und die Archäologie

Fritz Blakolmer
Archäologische Fächer sind (leider) in ganz besonderem Maße anfällig für Fakes: Einerseits taucht unter den tatsächlichen Fundobjekten immer wieder Einzigartiges auf, das auf den ersten Blick alles andere als echt wirkt. Andererseits ist die Quellenlage zur Antike oft so gering, dass es verlockend erscheint, ja unvermeidbar ist, Erklärungen auf unsicherer, argumentativ abwägender Grundlage aufzustellen. Bisweilen sind Archäolog:innen dann auch selbst dazu verleitet, bei ihrer Theorienbildung über das Ziel hinauszuschießen.

"Der Wanderer (Pilger) am Weltenrand", anonym, 1888, aus: Camille Flammarion, L'Atmosphère: Météorologie Populaire (Paris, 1888), S. 163 (Quelle: wikimedia commons)

Gefälschter Raum, gefälschte Zeit, echte Kunst – Fake, Irrtum, Unterstellung

Martina Pippal

Auch wenn eine gänzlich objektive Geschichtsschreibung nie zu erreichen sein wird, so ist Vorsicht besonders dort geboten, wo sich ein Narrativ, von welcher Seite immer es geformt wird, gänzlich von dem abhebt, was wir heute die Realität – die nach naturwissenschaftlichen Gesetzen funktionierende Welt der sichtbaren Dinge und die faktische Chronologie – bezeichnen.

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Wie kam es im 5. Jahrhundert zum erfundenen Briefwechsel zwischen einem Heiden und einem Christen? Fälschung als Kompromissversuch in Byzanz

Cosimo Paravano

Vorstellungen davon und Erzählungen darüber, wie Christ:innen mit dem Erbe der heidnischen Antike umgingen bzw. aus Sicht ihrer Autoritäten hätten umgehen sollen, gibt es viele und vielfältige – damals wie heute. Ein gefälschter Dialog aus frühbyzantinischer Zeit hatte das Ziel, genau dieses Problem zu glätten.

Bild von Matt Ponesse

Das finstere Mittelalter: Risiken und Nebenwirkungen für die Geisteswissenschaften

Sophie Morawitz

Es gilt als martialische Zeit ungebildeter, abergläubischer Rüpel, die im Dreck stinkender Siedlungen ihr Leben kläglich vor sich hinfristen: das Mittelalter. Dass es sich dabei aber keineswegs um ein wissenschaftlich haltbares Abbild einer historischen Realität handelt, sondern um eine überzeichnete Klischeevorstellung à la Hollywood, ist vielen nicht bewusst.

Das verlorene Vaterland? Politisierung und Missdeutung der Vereinigung Italiens

Maria Stella Chiaruttini

Die Schaffung eines italienischen Nationalstaats im 19. Jahrhundert habe die Italiener:innen nicht verbunden, sondern gespalten. Das behaupten zumindest geschichtsrevisionistische Bewegungen und Denkkreise. Hat uns die offizielle Historiographie bisher die „wahre“ Geschichte tatsächlich verschwiegen?

Pyramiden

Wer erbaute die Pyramiden? Lebhafte Phantasien im Wettstreit mit langweiligen Tatsachen

Lonneke Delpeut

Seit der Antike üben die Pyramiden im ägyptischen Gizeh eine große Faszination auf Menschen aus. Ihre beeindruckende Erscheinung hat zahlreiche, teils auch äußerst phantasievolle Mutmaßungen zu ihrer Baugeschichte hervorgebracht. Woher stammen sie, und warum halten sie sich bis heute so hartnäckig?

Alte Stadt mit neuer Altstadt. Das historische Zentrum von Warschau zeigt sich gepflegt und lebendig, ist allerdings ein Neubau aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Archiv des Autors, 2013

Der Schein der Fassade. Zur Rolle von Authentizität beim Erleben von materiellen Überresten

Florian-Jan Ostrowski

Fakes und Irrtümer begegnen uns nicht nur als Aussagen, sondern auch in Form von materieller Kultur. Während Historiker:innen und Archäolog:innen die Gültigkeit materieller Überreste als Quellen für ihre Erzählungen über Vergangenheit überprüfen, sagt die Zuschreibung von Fakes und Irrtümern bei Dingen, Gebäuden und Rekonstruktionen vor allem etwas über unser Erleben von Authentizität aus.